Der Auftragskanal, den fast kein Anfänger auf dem Schirm hat — mit fertigen Skripten für E-Mail und DM.
Die meisten Webdesigner am Anfang schreiben Restaurants, Handwerker und Zahnärzte an. Also genau die Leute, die jede Woche zehn solche Nachrichten bekommen — und die erst einmal überzeugt werden müssen, dass sie überhaupt eine neue Website brauchen.
Agenturen sind anders. Sie haben den Vertrieb schon gelöst: Kunden, Budget und regelmäßig mehr Arbeit, als sie selbst schaffen. Sie behalten den Kunden, du baust die Website. Du verkaufst also keine Website mehr — du verkaufst Kapazität. Und das ist ein viel leichterer Verkauf.
Zwei Sätze vorweg, damit du dir das richtig vorstellst:
- Akquirieren musst du trotzdem. Der Vorteil ist nicht „keine Akquise mehr“, sondern eine bessere Trefferquote — dein Gegenüber versteht in drei Sekunden, was du machst — und Wiederholung: aus einem guten Projekt wird oft ein zweites.
- Der Kanal hat einen Preis. Was du dafür aufgibst, steht in Abschnitt 8. Lies den, bevor du das erste Mal zusagst.
Von Henry Prill · Madebyprill · Instagram: @made.by.prill
1. Wo du passende Agenturen findest
Du suchst nicht „die besten Agenturen“. Du suchst Agenturen, die Websites verkaufen, aber nicht ihr Kerngeschäft daraus machen — die lagern am ehesten aus.
Gute Jagdgründe:
- Marketing- und Werbeagenturen in deiner Region — Google Maps, Suchbegriff „Marketingagentur + Stadt“. Die verkaufen Kampagnen, Branding, Social Media — und kriegen ständig Website-Anfragen mit rein.
- Social-Media- und Content-Agenturen — bauen selten selbst, brauchen aber Landingpages für ihre Kampagnen.
- SEO-Agenturen — die kennen jede kaputte Website ihrer Kunden und haben ein direktes Interesse daran, dass sie neu gebaut wird.
- Branding- und Grafikdesign-Studios — liefern Logo und Corporate Design und werden danach ständig gefragt: „Und die Website?“
- Andere Webdesigner mit Überlauf — ja, wirklich. Wer ausgebucht ist, sagt Aufträge ab. Da ist ein Partner mehr wert als ein Konkurrent.
- Instagram und LinkedIn — such nach Inhabern, nicht nach Agentur-Accounts. Inhaber entscheiden, Agentur-Accounts posten nur. Das ist der häufigste Anfängerfehler in diesem Kanal.
Woran du erkennst, dass sich das Anschreiben lohnt:
- Ihre Referenz-Websites sehen designseitig schwächer aus als ihre Kampagnen — Zeichen, dass Web nicht ihr Kern ist.
- Sie zeigen Website-Projekte, die technisch veraltet wirken: langsam, nicht mobil-optimiert, Baukasten-Optik.
- Sie stellen gerade ein oder posten „wir suchen Verstärkung“ — heißt übersetzt: mehr Arbeit als Leute.
- Sie sind klein, ungefähr 2–15 Leute. Große Agenturen haben eigene Entwicklungsteams und lange Einkaufsprozesse.
Mengen-Realität: Rechne mit vielen Nachrichten für wenige Antworten. Der Unterschied zur Kalt-DM an ein Restaurant ist nicht, dass mehr Leute antworten — sondern dass eine einzige Zusage mehrere Projekte bedeuten kann.
2. Die wichtigste Regel: Schick eine Seite mit, die du gebaut hast
Das ist der Punkt, an dem sich alles entscheidet — wichtiger als jede Formulierung in diesem Dokument.
Eine Agentur muss in wenigen Sekunden einschätzen können, ob du bauen kannst. Kein Text der Welt schafft das. Ein Link auf eine echte, live erreichbare Seite schafft es sofort. Sie klickt, sie sieht, sie weiß Bescheid. Genau deshalb ist das hier kein „nice to have“, sondern der Kern deiner Nachricht: Alles andere ist Verpackung, der Link ist das Produkt.
So machst du es richtig:
- Eine Live-URL, kein Screenshot, kein PDF. Screenshots kann jeder bauen. Eine Seite, die im Browser lädt, scrollt und sich bewegt, kann nur jemand, der sie gebaut hat.
- Höchstens zwei Links. Deine beste Arbeit zuerst. Wer drei bis fünf schickt, sagt damit: „Ich weiß selbst nicht, welche gut ist.“
- Prüf sie vorher auf dem Handy. Ein Agenturinhaber öffnet deinen Link zu 90 % am Telefon, zwischen zwei Terminen. Wenn dort etwas verrutscht, war’s das — dein bester Link wird sonst zum stärksten Argument gegen dich.
- Ein Satz Kontext pro Link. Nicht nur die URL reinwerfen: „Das hier hab ich für ein Architekturbüro gebaut“ sagt der Agentur, ob du ihre Art von Kunden verstehst.
- Lieber eine starke Seite als zwei mittelmäßige. Sie bewertet dich nach dem Schwächsten, was du zeigst, nicht nach dem Besten.
Du hast noch nichts Echtes gebaut? Dann bau eine Demo — und sag ehrlich, dass es eine ist.
Such dir ein reales lokales Unternehmen mit einer schwachen Website und bau die Seite neu, wie du sie machen würdest. Stell sie live (eine kostenlose Subdomain reicht völlig) und schick genau die.
Das ist kein Notbehelf, sondern oft sogar stärker als ein Kundenprojekt: Eine Agentur sieht dabei nämlich deine ungebremste Arbeit — ohne Kundenkompromisse, ohne „der Chef wollte das Logo größer“. Sie sieht, was du kannst, wenn dich niemand aufhält. Und sie sieht, dass du losbaust, ohne dass dich jemand dafür bezahlt. Beides sagt mehr über dich aus als jede Selbstbeschreibung.
Der Satz, den du dir merken solltest: Deine Nachricht bringt sie zum Klicken. Den Auftrag holt die Seite.
3. Das E-Mail-Skript
E-Mail ist der Hauptkanal. Sie lässt sich intern weiterleiten — und genau das passiert, wenn es interessant ist.
Betreffzeile (kurz, konkret, kein Marketing-Ton):
Website-Kapazität für [Agenturname]
Alternativen: Kurz zu euren Website-Projekten · Webentwickler aus [Stadt] — falls ihr Überlauf habt
Das Skript:
Hallo [Vorname],
[Einstiegssatz — siehe unten].
Ich baue Websites, individuell und ohne Baukasten. Der Grund, warum ich schreibe: Falls bei euch mal mehr Website-Arbeit reinkommt, als ihr abarbeiten könnt, könnt ihr das an mich abgeben. Ihr behaltet den Kunden und die Kommunikation, ich baue im Hintergrund. Ihr gebt also nichts ab außer Arbeit.
Damit ihr euch das anschauen könnt, statt es mir zu glauben:
[Link 1] — [ein Satz Kontext]
[Link 2] — [ein Satz Kontext]
Soll ich euch kurz schicken, wie ein Ablauf bei mir aussieht und zu welchen Konditionen ich arbeite?
Viele Grüße
[Dein Name]
[Deine Website] · [Deine Telefonnummer]
Drei Einstiegssätze, die funktionieren — such dir einen aus und mach ihn konkret:
1. Arbeit erkannt — immer die erste Wahl. Setzt voraus, dass du wirklich hingeschaut hast.
„Ich hab mir eure Referenzen angesehen — besonders [Projekt] ist stark gebaut.“
2. Signal aufgegriffen — der stärkste Aufhänger überhaupt, wenn sie öffentlich Auslastung signalisiert haben.
„Ihr habt letzte Woche geschrieben, dass ihr Verstärkung sucht.“
3. Direkt und ehrlich — wenn du nichts Konkretes gefunden hast. Ehrlich schlägt erfundene Begeisterung.
„Kurze Mail ohne Umweg: Ich baue Websites und suche Agenturen, die welche auslagern.“
Regeln fürs Verschicken:
- Immer an eine echte Person.
info@landet im Nichts. Namen findest du im Impressum, auf LinkedIn oder in der Team-Sektion. - Namen und Agentur schreiben sich richtig. Ein Tippfehler im Firmennamen ist das Ende, bevor es losgeht.
- Keine Anhänge im ersten Kontakt. Anhänge von Unbekannten werden nicht geöffnet, und manche Filter sortieren die Mail direkt aus.
- Nochmal lesen und kürzen. Wenn deine Mail länger ist als das Skript oben, streich so lange, bis sie es nicht mehr ist.
4. Das DM-Skript
Instagram und LinkedIn sind der zweite Weg — und oft der schnellere, weil Inhaber ihre DMs meistens selbst lesen. Andere Regeln als bei der Mail: kürzer, keine Betreffzeile, und dein Profil entscheidet mit.
Bevor du die erste DM schreibst, muss dein eigenes Profil sitzen. Der erste Klick nach deiner Nachricht geht nicht auf deinen Link — er geht auf dein Profil. Was dort steht, entscheidet, ob überhaupt weitergelesen wird:
- In der Bio steht in einem Satz, was du machst — nicht „Creator | Dreamer | 18“.
- Ein Link, der funktioniert und auf deine Arbeit führt.
- Die letzten Beiträge zeigen gebaute Sachen. Drei sind genug, aber es müssen echte sein.
Das Skript (drei kurze Nachrichten, nicht ein Block):
Hi [Vorname], kurz und ohne Umweg: Ich baue Websites — individuell, kein Baukasten.
Falls bei euch mal mehr reinkommt, als ihr schafft: Ihr behaltet den Kunden, ich bau im Hintergrund. Ihr gebt nichts ab außer Arbeit.
Hier eine Seite von mir, dann kannst du’s selbst einschätzen: [Link]
Was in der DM anders ist:
- Ein Link, nicht zwei. In der DM ist weniger Platz und weniger Geduld.
- Nie mit „Hey, wie geht’s?“ anfangen und auf Antwort warten, bevor du sagst, was du willst. Das kostet nur Zeit und wirkt wie ein Verkaufstrick.
- Keine Sprachnachricht. Ungefragt an Fremde ist das eine Zumutung.
- Sprachlich lockerer, inhaltlich gleich. Der Kern bleibt: Ihr behaltet den Kunden, ich baue, hier ist der Beweis.
5. Was du sonst noch mitschickst — und was nicht
Mitschicken:
- Ein bis zwei Live-Links (siehe Abschnitt 2). Das ist Pflicht, alles andere ist optional.
- Deine Website oder dein Profil in der Signatur — sie prüfen dich sowieso, mach es ihnen leicht.
Erst auf Nachfrage:
- Eine kurze Übersicht mit Ablauf, Zeitrahmen und deinen Konditionen. Eine schlichte Seite oder ein knappes PDF.
- Was genau du lieferst: nur den Code? Inklusive Hosting? Wartung?
Nie im ersten Kontakt:
- ❌ Eine mehrseitige Präsentation
- ❌ Eine Preisliste
- ❌ Ein Video über dich
- ❌ Ein Lebenslauf — du bewirbst dich nicht, du bietest Kapazität an
6. Was du auf keinen Fall schreibst
- ❌ Ihre Website oder ihre Projekte schlechtmachen. Bei Endkunden schon riskant — bei einer Agentur greifst du die Arbeit von jemandem an, der zwei Schreibtische weiter sitzt. Sofortiges Aus.
- ❌ „Ich suche Arbeit“ / „Ich brauche Erfahrung“ / „Ich würde auch umsonst…“ Du bietest Kapazität an, das ist kein Bittstellen und kein Praktikum. Der Ton entscheidet mit über deinen Preis.
- ❌ Am Kunden vorbei denken. Niemals andeuten, dass du deren Kunden auch direkt betreuen könntest. Das ist die eine Angst, die jede Agentur bei so einer Anfrage hat — nimm sie ihnen, statt sie zu füttern.
- ❌ Sofort über Preise reden. Nicht in Nachricht eins. Erst wenn klar ist, worum es überhaupt geht.
- ❌ Dich unter Wert anbieten, um reinzukommen. Dein Einstiegspreis wird zum Referenzpreis für alles danach — und den korrigierst du praktisch nie wieder nach oben.
- ❌ Romane. Über die Länge der Skripte oben hinaus liest niemand.
- ❌ Sichtbare Platzhalter. Ein übrig gebliebenes „[Agenturname]“ beendet das Gespräch, bevor es anfängt.
- ❌ Versprechen, die du nicht halten kannst — „in einer Woche fertig“, „unbegrenzte Änderungen“. Genau daran zerbricht die Zusammenarbeit dann im zweiten Projekt.
7. Wenn sie antworten
Drei Antworten kommen immer wieder. Sei auf alle drei vorbereitet:
„Aktuell haben wir nichts.“
Der häufigste und wertvollste Ausgang — kein Nein, nur kein Jetzt. Bedank dich, bitte um ein Ja, dich in ein paar Monaten nochmal zu melden, und notier sie dir. Agentur-Überlauf ist saisonal.
„Schick mal was rüber.“
Echtes Interesse, aber unverbindlich. Jetzt kommt die Übersicht aus Abschnitt 5: Ablauf, Zeitrahmen, Konditionen. Kurz halten — und am selben Tag schicken.
„Wir machen das selbst.“
Stimmt heute, muss morgen nicht stimmen. Nicht diskutieren: „Verstehe — meld dich einfach, falls es mal zu viel wird.“ Ein Satz, freundlich, fertig.
Follow-up:
- Einmal nachfassen, nach 5–7 Tagen. Zwei Zeilen, freundlich, ohne Vorwurf: „Kurz nach oben geschoben — falls gerade nichts ansteht, meld dich einfach, wenn es passt.“
- Danach Ruhe. Kein drittes und viertes Nachfassen.
- Stattdessen: Setz sie auf eine Liste und schreib in zwei bis drei Monaten wieder — dann aber mit einem echten Anlass, nämlich einer neuen Seite, die du seitdem gebaut hast. Das ist kein Nachfassen mehr, das ist ein Update. Und es funktioniert deutlich besser.
8. Bevor du zusagst: Konditionen und Nachteile
Zwei Bezahlmodelle sind üblich:
Modell A — Prozentanteil. Du bekommst einen Anteil an dem Preis, den die Agentur mit ihrem Kunden vereinbart hat. Du erfährst dadurch, was das Projekt wert ist — hängst aber an einer Zahl, die jemand anderes verhandelt hat.
Modell B — Festpreis + Marge. Du nennst deinen Preis, die Agentur schlägt ihre Marge drauf und verkauft weiter. Meistens das bessere Modell: Du weißt vorher exakt, was du verdienst, und deine Kalkulation gehört dir.
Wenn du die Wahl hast, nimm den Festpreis. Und halte auch hier deine Preisuntergrenze ein. Ein Abschlag gegenüber Direktkunden ist nur dann gerechtfertigt, wenn die Agentur dir Akquise und Kundenkommunikation wirklich abnimmt — nicht, weil es sich nach einem Gefallen anfühlt.
Was dieser Kanal dich kostet — wissen, bevor du zusagst:
- Kein direkter Kundenkontakt. Feedback kommt gefiltert über die Agentur. Das kostet Runden, kostet Zeit und macht Missverständnisse teurer.
- Oft kein Portfolio-Credit (White Label). Die Seite läuft unter dem Namen der Agentur. Klär vorher, ob und wie du sie zeigen darfst — nachträglich fragen ist unangenehm und wird oft abgelehnt.
- Dein Geld hängt an der Zahlungsmoral der Agentur. Zahlt deren Kunde spät, merkst du das. Vereinbare eine Anzahlung und feste Zahlungsziele, die nicht daran gekoppelt sind, wann der Endkunde zahlt.
- Eine einzige Agentur ist ein Klumpenrisiko. Wenn ein Partner den Großteil deines Umsatzes ausmacht, entscheidet dessen Auftragslage über dein Geschäft. Bau parallel eigene Kunden auf — der Agenturkanal ist ein zweites Standbein, kein Ersatz.
Vor der Zusage klären, am besten schriftlich:
- Was genau lieferst du — nur den Code, oder auch Hosting, Wartung, Support?
- Wie viele Korrekturrunden sind drin, und was kostet die Runde danach?
- Wer redet mit dem Endkunden, und wer gibt final frei?
- Wann wird gezahlt — und ist das unabhängig davon, wann der Endkunde zahlt?
- Darfst du das Projekt zeigen? Wenn ja, ab wann und unter welchem Namen?
Der Kern in vier Sätzen
- Wenn du bauen kannst, aber keine Kunden findest, hast du kein Können-Problem — du hast ein Vertriebs-Problem.
- Geh dahin, wo Vertrieb schon gelöst ist: zu Agenturen, die Kunden, Budget und Überlauf haben.
- Schick immer eine Seite mit, die du selbst gebaut hast. Deine Nachricht bringt sie zum Klicken, den Auftrag holt die Seite.
- Klär vorher, wie du bezahlt wirst, was du zeigen darfst und wann das Geld kommt — und bau nie dein ganzes Geschäft auf einen einzigen Partner.
Fragen dazu? Schreib mir auf Instagram: @made.by.prill